Energiewende braucht PowerFuels

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Statement von dena-Chef Andreas Kuhlmann zur Agora-Studie „Die zukünftigen Kosten strombasierter synthetischer Brennstoffe“ 

„Im Fokus der kommenden Jahre muss die Zielerreichung für 2030 stehen.“

Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung

Ich freue mich, dass Agora-Energiewende und Agora-Verkehrswende die Notwendigkeit hervorheben, sich viel intensiver als bisher mit synthetischen Brennstoffen zu beschäftigen. Der Kreis derjenigen, die auf eine rein direktelektrische Nutzung von erneuerbarem Strom bauen, um die klimapolitischen Ziele zu erreichen, wird erfreulicherweise immer kleiner.

PowerFuels

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit gasförmigen und flüssigen Kraft- und Brennstoffen, die mit Hilfe von Strom aus erneuerbaren Energien synthetisch erzeugt werden. Sie können vielfältig eingesetzt werden: als Kraftstoff im Verkehr sowie zur Erzeugung von Wärme und Strom. Die Umwandlungsverfahren sind unter Begriffen wie Power to Gas (Strom zu Gas) und Power to Liquid (Strom zu Flüssigkeit) bekannt. Wir sprechen deshalb bei diesen synthetischen Kraft- und Brennstoffen auch von (Green) PowerFuels.

Insbesondere die Zwischenergebnisse der von rund 60 Stakeholdern getragenen dena-Leitstudie Integrierte Energiewende haben deutlich gemacht: Um die klimapolitischen Ziele zu erreichen, benötigen wir einen Mix unterschiedlicher Energieträger mitsamt ihrer Infrastrukturen. PowerFuels sind eine unabdingbare Voraussetzung für den Klimaschutz und für eine erfolgreiche integrierte Energiewende. In einer weiteren Studie haben wir die Potenziale für den europäischen Verkehrssektor untersucht. Demnach werden selbst in einem Szenario, das stark auf batterieelektrische Antriebe setzt, mehr als 70 Prozent des Endenergiebedarfs durch PowerFuels gedeckt, vor allem im Flug-, Schiff- und Güterverkehr. In einer Studie, die die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) und die dena gemeinsam mit Branchenverbänden erarbeitet haben, haben wir auch den Gebäudesektor genauer untersucht. Anders als die beiden Agora-Organisationen kommen wir zu dem Ergebnis, dass PowerFuels auch im Gebäudebereich eine wichtige Rolle spielen können. Die Energiewende im Gebäudesektor lässt sich bis 2050 am besten realisieren, wenn alle verfügbaren Effizienztechnologien wirtschaftlich eingesetzt und die Infrastrukturen für Strom, Gas und Öl effizient mit erneuerbaren Energieträgern genutzt werden.

Dass nun mehr und mehr Akteure zu ähnlichen Erkenntnissen kommen, liegt auch daran, dass eine integrierte und sektorübergreifende Betrachtung der Energiewende immer mehr in den Fokus der energie- und klimapolitischen Debatte rückt. Das ist gut so. Die Herausforderung besteht darin, die wachsende Zahl an Komponenten aus allen Sektoren unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Infrastrukturen aufeinander abzustimmen und in ein intelligentes und nachhaltiges Energiesystem zu integrieren. Um dahin zu kommen, müssen wir die gegenwärtigen politischen und regulatorischen Aktivitäten in den verschiedenen Sektoren und Märkten grundsätzlich überdenken.

Es zeigt sich, dass Transformationspfade, die stärker auf die Potenziale von PowerFuels setzen, zum Beispiel mit deutlich niedrigeren Sanierungsraten im Gebäudebereich auskommen. Sie erfordern auch weniger gesicherte Leistung in der Energieversorgung und führen möglicherweise zu einem deutlich günstigeren Netzausbau, insbesondere auf der Verteilnetzebene. Eine systemische Betrachtung kommt also zu anderen Ergebnissen als eine rein physikalische, die vor allem den Wirkungsgrad einzelner Technologien als entscheidendes Kriterium ansieht. Wie wichtig PowerFuels sind, zeigt schließlich auch die kürzlich von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gemeinsam vorgestellte Studie „‚Sektorkopplung‘ – Optionen für die nächste Phase der Energiewende“.

So eindeutig es bereits jetzt schon ist, dass die klimapolitischen Ziele ohne eine stärkere Befassung mit PowerFuels nicht zu erreichen sein werden: Es gibt nach wie vor eine ganze Reihe wichtiger Fragen zu klären. Um in diesen Fragen voranzukommen, brauchen wir stärkere Akzente in der Forschung, günstigere regulatorische Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines Marktes für PowerFuels, vor allem aber auch einen intensiven internationalen Austausch. Denn allein mit den in Deutschland oder Europa erzeugten erneuerbaren Energien werden sich nicht ausreichend PowerFuels für Deutschland beziehungsweise Europa herstellen lassen. Die dena ist gegenwärtig dabei, einen solchen internationalen Austausch auf den Weg zu bringen und lädt Interessenten im In- und Ausland ein, sich daran zu beteiligen.

Agora-Studie

Agora-Energiewende und Agora-Verkehrswende haben mit ihrer Studie einen wichtigen Beitrag für die Debatte geliefert, auch wenn natürlich über einige Punkte weiter diskutiert werden muss. Unter anderem plädieren sie für einen Öl-/Gas-Ausstiegskonsens, um den Weg für synthetische Brennstoffe zu ebnen. Darauf muss man nicht warten. Deutschland wird sich in den kommenden Monaten intensiv mit der Erstellung eines Zeitplans zur Beendigung der Kohleverstromung befassen. In wenigen Jahren werden die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen. Die Versorgung mit Öl und Gas aus fossilen Quellen kann und muss Schritt für Schritt durch PowerFuels ergänzt werden. Hier die richtigen und attraktiven Akzente im Markt und bei der Forschung zu setzen, um die Potenziale weiter auszuloten, ist sicherlich vordringlicher als ein weiterer komplizierter Ausstiegsdialog.

Im Fokus der kommenden Jahre muss die Zielerreichung für das Jahr 2030 stehen. Das erfordert ein starkes Umdenken der bisherigen Energie- und Klimapolitik und vor allem auch einen innovationsfreundlichen Rahmen, in dem die verschiedenen Technologien ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Immerhin: Im Koalitionsvertrag gibt es Ansätze für eine Weiterentwicklung von PowerFuels unter den Stichworten synthetische Kraftstoffe, Power to Gas, Wasserstoff und Power to Liquid. Darauf lässt sich aufbauen. Trotz aller bisherigen Restriktionen ist Deutschland Vorreiter in Sachen PowerFuels für eine integrierte Energiewende. Über 30 Pilot- und Demonstrationsanlagen sind bereits in Betrieb. Wir haben das richtige „Ecosystem“, um weitere Fortschritte zu machen. Ein Fortschritt bei PowerFuels hat also nicht nur eine unabdingbare klimapolitische Komponente. Es gibt auch eine Vielzahl industriepolitischer Aspekte, die dafür sprechen.

Quelle: Deutsche Energie-Agentur (dena)