Editorial

Editorial / Sommer 2015

Die Dekarbonisierung des Luftverkehrs heißt Innovation

Von Rolf Doerpinghaus

President IASA e.V.

President IASA e.V.

Sie ist vielfach im ‚Sommerloch‘ verhallt, die Klimabilanz des ersten Halbjahrs 2015. Wenn wissenschaftliche Daten nicht täuschen, dann waren die ersten sechs Monate dieses Jahres die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880. Damit hat die Natur im Vorfeld des Weltklimagipfels Ende November in Paris ein weiteres Zeichen gesetzt: Der Klimawandel ist da und er ist vermutlich sogar heftiger als befürchtet.

Zu den wahrscheinlichen Ursachen ist schon viel geschrieben worden. Zu den wichtigsten, vom Menschen verursachten Faktoren zählen die unverminderte Produktion von Treibhausgasen, die fortschreitende Abholzung der Regenwälder und die Verstädterung ganzer Regionen. Keine dieser Ursachen lässt sich nach menschlichen Maßstäben schnell beheben. Hinzu kommt das anhaltende Bevölkerungswachstum auf zirka neun Milliarden bis zum Jahr 2050.

Wichtigste Stellschraube zur Verminderung des Klimawandels ist die Reduktion von Treibhausgasen. Dies gilt insbesondere für das aus der Verbrennung fossiler Treibstoffe stammende CO2. Um wirklich Wirkung zu zeigen, ist eine signifikante Reduktion unumgänglich. Damit stellt sich die Forderung nach dem Ausstieg aus fossilen Energieträgern oder – wie beim G7-Gipfel in Elmau beschlossen – nach der schrittweisen ‚Dekarbonisierung‘ der Weltwirtschaft.

Das trifft auch den Luftverkehr. Während sich für die Energiewirtschaft und den Betrieb bodengebundener Verkehrsmittel mit erneuerbaren Energien zumindest Optionen abzeichnen, kann der Luftverkehr selbst auf längere Sicht nicht auf kerosinartige Treibstoffe verzichten.

Auf dem Weg zu einem nachhaltigen Verkehrsträger ist der Luftverkehr schon weit vorangekommen. Moderne Flugzeuge verbrauchen immer weniger. In der EU verzeichnet der kommerzielle Luftverkehr bereits seit 2005 ein CO2-neutrales Wachstum. Verkehrszuwachs und Umweltbelastung konnten damit bereits erfolgreich entkoppelt werden! Mit einer globalen Verbesserung der Treibstoffeffizienz um 1,5 bis 2 Prozent jährlich soll bis 2020 im weltweiten Luftverkehr die verkehrsbedingte Zunahme an Treibhausgasen neutralisiert oder deren Ausstoß bis 2050 auf 50 Prozent (Basis 2005) reduziert werden.

Auch wenn derzeit nur 1,7 Prozent der global emittierten Treibhausgase auf den Luftverkehr entfallen, solange der weltweite Luftverkehr zunimmt, wächst der öffentliche Druck auf die Luftfahrt weiter. Verbote, Beschränkungen und fiskalische Belastungen drohen.

Was ist zu tun? Nationale Alleingänge zur Lösung globaler Probleme sind ebenso sinnlos wie die Forderung nach einer weltweiten Beschränkung des Luftverkehrs, die – wenn sie sich überhaupt durchsetzen ließe – sehr schnell zu einem weltweiten Rückgang des Wirtschaftswachstums und damit zu noch größeren Problemen, etwa bei der Bekämpfung des Hungers, führen würde.

Der Schlüssel zur Dekarbonisierung des Luftverkehrs heißt Innovation. Der Weg dorthin ist sicherlich anspruchsvoll, aber gangbar. Neben dem Bau von immer effizienteren Fluggeräten, der deutlichen Verjüngung der Weltflotte und der Optimierung der gesamten Transportkette gibt es nur eine Lösung: Drop-in fähige, nicht fossil gewonnene Treibstoffe. Zeitnah zählen hierzu aus nachwachsenden Rohstoffen stammende Biofuels. Mittelfristig führt aber wohl kein Weg an synthetischen, aus erneuerbaren Energien und recyceltem CO2 produzierten Treibstoffen vorbei. Der Luftverkehr könnte damit zum Vorreiter einer zukunftsweisenden, karbonarmen Wirtschaft werden, vorausgesetzt, die verkehrs- und umweltpolitischen Weichen werden jetzt in die richtige Richtung gestellt.

Wenn es um das weitere Wachstum des Luftverkehrs und die Rettung des Klimas geht, darf es kein ‚entweder oder‘ geben. Wir brauchen beides!

Rudolf (Rolf) Dörpinghaus